Wo ist das Interesse? Ein Hallo an meine Generation

Wir sind eine Generation der Freiheiten.
Eine Generation, die von schier unendlichen Privilegien profitiert.
Eine Generation, die für all das kein Interesse zeigt.

Wir sind eine Generation der Freiheiten.

Ein Jahr nach dem Abi ins Ausland- Kein Problem!
Zum Studieren doch lieber in die Niederlande oder nach England- Kein Problem!
Mal schnell in der Bahn mit der besten Freundin am anderen Ende der Welt Skypen- Kein Problem!
Wir sind Digital Natives, die erste Generation von quasi in die EU hineingeborenen Kindern und im ständigen Austausch mit anderen Kulturen aufgewachsen.
Wir sind die Generation, die von den Vorteilen eines geeinten Europas, einer relativ friedlichen Weltsituation und einer weltweiten Vernetzung für jeden profitiert. Eine Generation, für die all das selbstverständlich ist, weil wir damit aufgewachsen sind.
Wir sind schon eine glückliche Generation, schließlich haben wir nicht wirklich etwas für all diese Privilegien getan. Dass wir frei reisen können, wählen dürfen und das Glück haben, weltweit mit anderen Kulturen und vor allem Menschen in Kontakt treten zu können, haben andere erstritten. Wir profitieren!

Jetzt ist plötzlich etwas komisch.

Es war immer alles so leicht, so selbstverständlich. Doch plötzlich sind da Gruppierungen, die all diese Privilegien in Frage stellen.
Offene Grenzen, die werden überschätzt.
EU weite Gesetze, die das Leben aller EU-Bürger verbessern sollen, völliger Unsinn.
Wahlen, bei denen alle mitbestimmen und so aktiv das Leben in ihrem Land beeinflussen können, irgendwie doch nicht so cool.
Ein enger Austausch zwischen Kulturen, dann doch zu nah und nicht gewollt!
Das sind Positionen, die momentan überall in Europa aufpoppen. Es gibt Gruppierungen, die für diese auf die Straße gehen, in Parlamente einziehen und natürlich Einfluss auf die politische Entwicklung nehmen.
Das sind Positionen, die genau an den Privilegien rütteln, die unsere Generation so selbstverständlich kennt und wahrgenommen hat. Es sind die Positionen, die das verändern wollen, von dem wir bis jetzt unser ganzes Leben profitiert haben.

Jetzt könnte man denken, dass wir das gar nicht mal so cool finden und ja, das kann sein. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie wir das finden. Weil wir das, glaube ich, selbst nicht so wissen. Weil wir gar nicht genau wissen, was hier gerade so abgeht. Weil wir das aber auch gar nicht wirklich wissen wollen. Weil es uns schlicht nicht interessiert!
Ja, das klingt erst einmal traurig und wahrscheinlich denkt sich jeder, der das hier gerade liest und auch ein Teil dieser Generation ist: So ein Unsinn! Natürlich interessiere ich mich dafür!
Und ja, es mag sein, dass Du, der das hier liest, dich dafür interessierst.
Vielleicht doch ab und zu mal Nachrichten guckst oder Zeitung liest. Dir ab und zu wenigstens mal Gedanken machst, wie Du dir deine Zukunft in Europa vorstellst und für dich die Entscheidung triffst, wie Du zu der momentanen politischen Situation stehst.
Es kann sein, dass du einer von denen bist, die vor den Bundestagswahlen wenigstens die Zusammenfassungen der Parteiprogramme gelesen, den Wahlomat einmal durchlaufen haben und dann am 24. September tatsächlich in einem Wahllokal erschienen sind.
All das kann sein. Dann gratuliere ich dir und fordere dich hiermit auf mal die Augen aufzumachen. Nach rechts und links zu schauen und ein Stück deines Interesses weiter zu geben. Denn genau das ist es, was fehlt.

Und wo ist jetzt das Interesse?

Wenn ich mich mit Leuten meines Alters über politische Themen unterhalte und ein bloßes "hmm", kopfnicken oder gar ein "keine Ahnung" zurück bekomme, dann macht mich das traurig. An diesem Punkt stelle ich klar, es ist an sich kein Problem sich nicht einem europäischen Gedanken anzuschließen und eher mit den Gruppierungen zu sympathisieren, die sich gegen die EU stellen. Das sind größtenteils auch Parteien, die demokratisch eine Mehrheit erlangt haben. Nein, das ist kein Problem, das muss jeder für sich entscheiden. Ein Problem ist es, sich gar nicht erst zu interessieren und eine Meinung zu bilden.
Das ist es, was mich traurig macht, denn ich habe beim besten Willen kein Verständnis dafür, wenn man so gar kein Interesse all dem gegenüber bringt.

Ich könnte jetzt noch einmal betonen, dass es gerade bei uns so unverständlich ist. Bei uns, die doch damit so selbstverständlich aufgewachsen sind. Doch ich glaube, genau da liegt das Problem. Wir kennen es nicht anders und vielleicht ist es schwer vorzustellen, dass all diese Privilegien nicht für immer in Stein gemeißelt sind. Auch all das, was für uns so selbstverständlich ist, kann sich ändern und das müssen wir verstehen.
Solange wir das nicht verstehen und uns lieber mit den neuen Fotos unserer liebsten Influencer, dem neuen FIFA Spiel oder der Suche nach einem neuen Club fürs Wochenende beschäftigen, wird es kein Interesse geben. Ich finde das traurig und frage deswegen alle, die sich mit irgendetwas in diesem Text identifizieren konnten: Wo ist das Interesse?
Übrigens meine ich damit nicht der Tagesschau auf Instagram zu folgen. Wobei, selbst das wäre ein Anfang.

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